Die Bauernstellen Krämer und Pietig wurden 2012 400 Jahre alt

Von Dr. Christof Spannhoff

Das genaue Alter größerer bäuerlicher Anwesen ist in der Vielzahl der Fälle nicht zu bestimmen, weil ihre Entstehung in eine Zeit zurück reicht, aus der nur wenige Quellen überliefert sind, die Auskunft darüber geben können. Dagegen ist es bei kleineren und siedlungsgeschichtlich jüngeren Bauernstellen manchmal möglich, ein genaues Gründungsdatum anzugeben.

Uphoff und Krämer

So wurde etwa der Kotten (von mittelniederdeutsch kote, kotte, kate „kleines, niedriges Haus“; Schiller-Lübben II, S. 550) Uphoff (Dorenbrook 3) im Jahr 1576 gegründet, wie aus den Tecklenburger Akzidentalien (Gebührenauflistungen) von 1576/77 hervorgeht: „Lynen Herman Vphof ist verloeuet das ehr mach vff des Vagedes Kamp Im Darenberg ein Huißken setten giff zu weinkauff vi [6] gl. [Gulden]“ (Spannhoff, S. 244). Er ist also heute (2014) 438 Jahre alt. Auch das Anwesen Krämer (Im Siensfeld 1) konnte 2012 auf sein 400jähriges Bestehen zurückblicken. In der Tecklenburger Gebührenauflistungen zum Jahr 1612 heißt es: „Lynen Johan Kremer hatt ein New Hußken mit Bewilligung vff die Marcke gesetzt“. Dafür zahlte er zwei Goldgulden (Spannhoff, S. 305). Wilhelm Wilkens gibt zwar für 1580 eine Erwähnung an (Wilkens, S. 306), doch findet sich im entsprechenden Schatzungsregister kein Eintrag, so dass hier von einem Fehler Wilkens‘ auszugehen ist (Leesch, S. 62; vgl. auch Hunsche, S. 239f.).

Pietig

400 Jahre alt wurde 2012 auch das Anwesen Pietig (Mautweg 3, heute Hochschulz). Am 30. Mai 1612 berichtete der Rentmeister zu Iburg der Regierung in Osnabrück, dass die Tecklenburgischen Beamten im Kirchspiel Lienen auf der Grenze („Schnad“) in der Nähe von Imhorst und Knapheide einem Mann aus Bevern eine Hausstätte nebst acht bis zehn Scheffelsaat (etwa ein Hektar) Land verkauft hatten. Dieser Mann ließ dann umgehend ein bereits fertig gezimmertes Haus auf einer Reihe von Wagen nachkommen und sogleich errichten. Nach Aussage des Rentmeisters waren in verhältnismäßig kurzer Zeit bereits fünf weitere Kotten in Lienen auf diese Weise errichtet worden, und zwar zum Nachteil der Glandorfer, weil das Vieh der neuen Ansiedler leicht auf „des Kirchspiels Glandorf beste Grasweide, die Wöste genannt“, gelangen konnte. (Staatsarchiv Osnabrück, Abschnitt 8, Nr. 17, Blatt 351; zitiert nach: Messing, S. 74, Endnote 19.). Siedlungs- und baugeschichtlich interessant ist die leichte Handhabung des Auf- und Abbaus der damaligen Häuser. Seit dem Hochmittelalter wurden sie mit Fundament und in Ständerbauweise errichtet, so dass eine leichte Demontage und Versetzbarkeit möglich war. Im „Sachsenspiegel“, einem Rechtsbuch aus dem 13. Jahrhundert, heißt es, dass ein wegziehender Zinsmann den Zaun, das Haus und den Mist zurücklassen und sie zusammen seinem Grundherrn anbieten soll, damit er sie zu einem geschätzten Preis lösen kann; will der Herr sie aber nicht behalten, so darf der Bauer sie mit sich führen. Das Haus galt damals also noch nicht als „Immobilie“ (zu lateinisch immobilis „unbeweglich“) wie heute, sondern als bewegliche Habe (Rösener, S. 81-83).

Doch welches Anwesen ist es, das 1612 von dem Mann aus Bevern errichtet wurde? Die Lage zwischen den Bauern Knapheide auf Lienener und Imhorst auf Glandorfer Gebiet lässt auf Pietig (Mautweg 3) schließen, das direkt an der Gemeindegrenze liegt. Dazu passt die Familienüberlieferung, dass der Gründer des Kottens Pietig von der Ostbeverner Aa gestammt und im Dienst des Grafen von Tecklenburg gestanden haben soll (Wilkens, S. 268. Leider gibt Wilkens nicht an, woher er seine Information hat. Da er aber vielfach aus den Lebenserinnerungen des Ernst Pietig [1858-1958] schöpft, dürfte es sich um eine Familienüberlieferung handeln.).

Damit feierten die Anwesen Krämer und Pietig im Jahr 2012 400. „Geburtstag“.

Quellen und Literatur

  • Hunsche, Friedrich Ernst, Lienen am Teutoburger Wald. 1000 Jahre Gemarkung Lienen, hrsg. v.d. Gemeinde Lienen, Lienen 1965.
  • Leesch, Wolfgang (Bearb.), Schatzungs- und sonstige Höferegister der Grafschaft Tecklenburg 1494 bis 1831, Münster 1974.
  • Messing, Bernhard, Geschichte der Familie und des Hofes Schierhölter in Glandorf, Münster 1926.
  • Rösener, Werner, Bauern im Mittelalter, 4., unveränd. Aufl., München 1991.
  • Schiller, Karl u. Lübben, August, Mittelniederdeutsches Wörterbuch, 6 Bde., Bremen 1875-1881.
  • Spannhoff, Christof (Bearb.), Quellen und Beiträge zur Orts-, Familien- und Hofesgeschichte Lienens, Bd. 1, Norderstedt 2007.
  • Wilkens, Wilhelm, Lienen. Das Dorf und seine Bauerschaften von der Sachsenzeit bis zur Gegenwart, Norderstedt 2004.

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